Lange in diesem Jahr schien es, als würde ein Minimalrekord erreicht: Von Ende März bis Mitte August war die eisbedeckte Fläche des Arktischen Ozeans kleiner als jemals zum entsprechenden Zeitpunkt seit 1979, dem Beginn von kontinuierlichen Satellitenbeobachtungen. Doch seit der zweiten Augusthälfte verlangsamte sich die saisonale Abnahme etwas. Somit wird der absolute Minimalwert aus dem September 2012 wohl nicht erreicht. Das legt auch eine Karte nahe, die das Alfred-Wegener-Institut auf Grundlage von Daten des meereisportals.de am 24. September veröffentlicht hat. Sie zeigt die Differenz der Eiskante vom 22. September 2019 im Vergleich zum Monatsmittel des Septembers 2012. Demnach ist in fast allen Bereichen der Arktis die Meereisausdehnung größer als damals, Ausnahmen sind nur die südliche Grönlandsee und die nördliche Laptewsee.

Definitionsgemäß werden Regionen mit einer Meereiskonzentration von über 15 Prozent als eisbedeckt eingestuft – die Grenze zu nicht-eisbedeckten Gebieten wird als Eiskante bezeichnet. Die Karte zeigt den Verlauf der Eiskante am 22.September 2019 im Vergleich zum Monatsmittel September 2012. Blau markiert sind Regionen mit einer vergrößerten Eisausdehnung gegenüber dem September 2012, während Regionen mit geringerer Eisausdehnung rot gekennzeichnet sind. Grafik: Meereisportal/ Alfred-Wegener-Institut
Definitionsgemäß werden Regionen mit einer Meereiskonzentration von über 15 Prozent als eisbedeckt eingestuft – die Grenze zu nicht-eisbedeckten Gebieten wird als Eiskante bezeichnet. Die Karte zeigt den Verlauf der Eiskante am 22.September 2019 im Vergleich zum Monatsmittel September 2012. Blau markiert sind Regionen mit einer vergrößerten Eisausdehnung gegenüber dem September 2012, während Regionen mit geringerer Eisausdehnung rot gekennzeichnet sind. Grafik: Meereisportal/ Alfred-Wegener-Institut

Doch auch wenn dieses Jahr kein neuer Minusrekord zu vermelden ist – 2019 bestätigt den Trend, der spätestens seit dem Jahr 2000 zu beobachten ist: Auf der Nordhalbkugel wird die Fläche immer kleiner, die von Meereis bedeckt wird. 2019 wird vermutlich den zweitgeringsten jemals gemessenen mittleren Wert für September liefern. War die eisbedeckte Meereisfläche beispielsweise im September 1980 noch über 7,5 Millionen Quadratkilometer groß, könnte sie 2019 kleiner als 4 Millionen Quadratkilometer sein. Ganz sicher lässt sich das erst nach der endgültigen Datenauswertung im Oktober sagen.

Meereisportal/ Alfred-Wegener-Institut
Grafik: Meereisportal/ Alfred-Wegener-Institut

Der September steht deshalb im Mittelpunkt des Interesses, weil er die Zeit mit der geringsten Eisbedeckung im Jahr ist. Im Winter wächst die eisbedeckte Fläche auf 14 bis 15 Millionen Quadratkilometer. Wissenschaftler weisen allerdings darauf hin, dass auch abseits des jährlichen September-Minimums die Meereisbedeckung abnimmt. „Das hat weitreichende Folgen“, sagt Sebastian Gerland, Geophysiker vom Norwegischen Polar Institut in Tromsø. Beispielsweise reflektiere das Meereis die Sonneneinstrahlung und beeinflusse somit den Wärmetransfer zwischen Atmosphäre und Ozean, die Verdunstung und die Energiebilanz. Neben den Effekten auf das Klima, so Gerland weiter, wirke sich das zurückweichende Meereis auch erheblich auf das Ökosystem aus: „Es beeinträchtigt prominente Spezies wie Eisbären, Robben und Wale, aber auch eine große Zahl von kleineren Organismen, deren Lebenszyklen eng mit dem Meereis verknüpft sind.“

Quellen: AWI, meereisportal.de, Artic Council

 

Grafik: Meereisportal/ Alfred-Wegener-Institut
Grafik: Meereisportal/ Alfred-Wegener-Institut